Wenn das Leben vorgezeichnet scheint …

AIDS – ist eine Krankheit, die lange Jahre ein überbordendes Problem in der Gesellschaft verursacht hat: Stigmatisierung. Wer HIV-infiziert war, galt als unrein und wurde aus der Gemeinde ausgestoßen. Insbesondere Kinder waren Opfer von Vorurteilen, Aberglaube und Übergriffen. Waisen, deren Eltern an AIDS erkrankt und gestorben sind, haben eine Last zu tragen, die sie vollkommen unschuldig aufgebürdet bekamen.

Hier war der Ansatz von Hugo Tempelmans Arbeit, als er vor mehr als 20 Jahren nach Südafrika kam. Sein Ziel und das seiner Ndlovu Care Group ist es, diesen Kindern zu helfen, ihnen einen Weg zu ebnen, trotz der Steine, die das Leben ihnen in den Weg wirft.

Verwaiste Kinder sind in den ländlichen Gemeinden von diversen Seiten gefährdet. Werden sie in einem Heim untergebracht bedeutet das meisten auch die Trennung von den Geschwistern. Nach dem Verlust der Eltern ist dies seelisch für die meisten Kinder kaum zu verkraften. Verbleiben die Kinder zusammen im elterlichen Heim, übernimmt das älteste die Rolle des Familienoberhauptes. Es sorgt für seine Geschwister, für Nahrung und Wasser, die Sorge um die Sicherheit und die Angst vor etwaigen nächtlichen Überfällen im ungeschützten Kinderhaushalt, lässt viele dieser Kinderoberhäupter nicht schlafen. Sie wachen nachts, schlafen tagsüber, gehen dadurch nicht zur Schule, bekommen keinen Abschluss, haben keine Zukunft. Die allergrößte Gefahr geht dabei für diese Kinder von Erwachsenen aus, die sie als Freiwild betrachten. Nicht selten werden ihnen die wenigen Habseligkeiten gestohlen und die Menschenwürde genommen. Sexuelle Übergriffe sind keine Ausnahme.

Ein klassischer Fall eines Kinderhaushalts in Elandsdoorn:

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In diesem Haus leben zwei unter zehnjährige Mädchen mit ihrem kleinen Geschwisterkind. Die Eltern sind gestorben und die Mädchen sorgen so gut es geht für sich selbst. Sie kennen ihre Nachbarn, bisher gingen sie in die nahe gelegene Schule, wohnen relativ gut erreichbar an einer örtlichen Wasserversorgungsstelle. Doch seit dem Tod der Eltern verfällt das Haus immer mehr.

Eine Wand besteht aus verrostetem Wellblech, das Dach ist undicht und teilweise gar nicht mehr vorhanden.  Es tropft auf den Lehmboden, die Fenster und Türen halten nicht einmal mehr das Wetter fern. Es gibt keinen Strom, keine Abwasserkanalisation, keinen Schutz vor Eindringlingen.

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Ohne Hilfe sieht die Zukunft dieser beiden Mädchen düster aus. Sie können sich keine Schuluniform leisten und ohne Schuluniform ist der Schulbesuch nicht erlaubt. Daher werden sie ohne Anschluss von der Schule abgehen müssen. Anzunehmen ist, dass sie früh sexuelle Erfahrungen machen werden, höchstwahrscheinlich nicht freiwillig. Prostitution ist eine realistische Berufswahl für Kinder in dieser Situation. Dabei sind HIV/AIDS und andere sexuell übertragene Krankheiten die zu erwartende Folge.

Dieser traurigen Realität sehen sich Hugo Tempelman und die Ndlovu Care Group tagtäglich gegenüber.  Alles, was den Kindern oftmals bleibt nach dem Tod der Eltern, ist das Haus, in dem die Familie gelebt hat. Häufig ist das Haus die einzige Verbindung mit der Vergangenheit.

Diese Kinder sensibel aufzufangen, ist die oberste Prämisse. Darum siedelt die Hilfe der Ndlovu Care Group auf ganz unterster Stufe an: bei der Sicherung der Grundbedürfnisse.

Das Prinzip ist sehr einfach und anschaulich in der Bedürfnispyramide nach Maslow dargestellt.

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Maslow hat sich eingehend mit den menschlichen Motivationen und deren Ursprung in Bedürfnissen beschäftigt. Seine Theorie hat zur Grundlage, dass zunächst die Defizitbedürfnisse, allen voran die Grund- und Sicherheitsbedürfnisse befriedigt oder zumindest zu weiten Teilen bedient sein müssen, bevor überhaupt an individuelle Wachstumsbedürfnisse zu denken ist.

Um die Familie als Einheit zu bewahren, die gewohnte Umgebung aufrechtzuerhalten und die Akzeptanz in der Gemeinde zu fördern, sorgt Ndlovu dafür, das bestehende Strukturen renoviert werden.  Die Häuser werden gesichert, eingezäunt und mit verschließbaren Türen und Fenstern ausgestattet. Kinder, denen kein Dach über dem Kopf geblieben ist, schafft die Ndlovu Care Group mit den Kinderhäusern für AIDS-Waisen (Orphan Houses) ein neues Zuhause. Mit diesen kindergeführten Häusern bekommen die Waisen Schutz, Sicherheit und einen offiziellen Wohnsitz – die Grundvoraussetzung für alles Weitere.

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Die Ernährung von Waisen ist oft nicht oder nur mangelhaft gewährleistet. Für Kleinkinder können daraus resultierende Entwicklungsrückstände eine lebenslange Auswirkung haben. Deswegen werden die Kinder in das Ndlovu-Ernährungsprogramm aufgenommen. Sind diese Grundbedürfnisse sichergestellt, widmet sich Ndlovu den Gründen für den Schulabbruch. Fehlende Schuluniformen müssen dafür kein Anlass mehr sein. Wer lernen will, sollte dies auch dürfen. Die entsprechende Kleidung wird zur Verfügung gestellt. Ndlovu bemüht sich mit diversen Einrichtungen wie dem Chill-Hub-Haus, dem Chor und dem Miracle-Theater um soziale Integration. Sind Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft geschaffen, haben Waisen ein geschütztes Umfeld, in dem sie nicht mehr gemieden oder gar ausgestoßen werden. Und dann können diese Kinder den Verlauf ihres Lebens, der so düster vorgezeichnet war, aus eigener Kraft neu zeichnen. Der Weg ist geebnet für ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben.